Predigt beim Gemeindefest in Wolfsberg
Alltagsmenschen – so nennt die Künstlerin Christel Lechner ihre lebensgroßen Statuen aus Beton, die aussehen, als wären sie echt. Es sind meist Menschen im dritten Lebensdrittel, denen man schon vieles von dem ansieht, was sie mitgemacht haben. Menschen in Alltagssituationen, beim Einkaufen, Arbeiten oder Feiern. Mit Falten im Gesicht, schütteren Haaren und schiefen Zähnen. Und doch auf ihre eigene Weise schön – sie sind wie wir.
Alltagsmenschen – ihnen begegnet Jesus und er sieht sie, wie sie jetzt sind und sieht sie, was aus ihnen werden kann. Er kann das Leben der Menschen verändern, von jetzt auf gleich. Wie bei der Berufung der ersten Jünger. Von dem Gefühl, nichts zusammengebracht zu haben, erfolglos gewesen zu sein und nicht zu wissen, wie man die Familie satt bekommen soll, verändert sich das Leben hin hzu einer großen Aufgabe: Menschenfischer sein.
Die Erfahrung der Vergeblichkeit, sich nutzlos bemüht zu haben – ich kenne sie. Beim ersten Anlauf bin ich durch die Führerschein-Prüfung gefallen. Mein Prüfer war vorher Prüfer beim Bundesheer gewesen, und hatte es nicht so mit Frauen.
Ich erinnere mich noch genau: Da ist ein Gefühl der Leere entstanden. Erst breitet sie sich im Kopf aus. Und wenn gar der innere Antrieb fehlt, dann hat man zu nichts mehr Lust. Irgendwie erscheint alles sinnlos. Dann macht irgendwann auch der Körper schlapp. Alles strengt an. Selbst die Routinen des Alltags: Treppen steigen, Telefonieren, Kaffee kochen. Die kleinste Kleinigkeit wird zur Last.
Sich vergeblich mühen, keinen Erfolg haben – das kennt auch Simon, der Jünger Jesu, bekannter unter seinem Zweitnamen Petrus. Fischen, nichts fangen, mehrere Tage lang immer wieder ausfahren – und mit so gut wie leeren Netzen zurückkommen. Satt werden kann davon nicht mal er; geschweige denn seine Familie. Doch einmal ist etwas anders.
Eines Tages stand Jesus am Ufer des Sees von Gennesaret. Die Menschen drängten sich um ihn und wollten Gottes Botschaft hören.
Da sah er zwei Boote am Ufer liegen. Die Fischer waren ausgestiegen und reinigten ihre Netze.
Er stieg in das eine der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein Stück vom Ufer abzustoßen. Dann setzte er sich und sprach vom Boot aus zu der Menschenmenge.
Als er seine Rede beendet hatte, sagte er zu Simon: »Fahr hinaus auf den See und wirf mit deinen Leuten die Netze zum Fang aus!«
Simon erwiderte: »Herr, wir haben uns die ganze Nacht abgemüht und nichts gefangen. Aber weil du es sagst, will ich die Netze noch einmal auswerfen.«
Fischfang, das bedeutet harte Nachtarbeit. Nach dem Einholen der Netze beginnt die nächste Arbeit erst: reinigen, flicken, vorbereiten für die kommende Nacht. Ein Leben voller Routinen, voller Anstrengung und immer mit der bangen Frage: Wird der Fang reichen, um die Familie zu ernähren?
In diesen Alltag mischt sich plötzlich ein anderes Geschehen. Jesus ist dort unterwegs. Einer, der durch sein Auftreten schon für Aufmerksamkeit gesorgt hatte. Viele sind neugierig auf ihn, wollen ihn sehen, sich ein eigenes Bild von ihm machen.
Simon bemerkt den Menschenauflauf erstmal gar nicht. Er ist mit seiner Arbeit beschäftigt, hat ja genug zu tun. Er wird erst aufmerksam, als Jesus ihn anspricht. "Lass mich in dein Boot. Ich brauch es, damit mich die Leute besser hören können." Simon willigt ein und nimmt Jesus an Bord. Was der Rabbi genau sagt, davon wird nichts berichtet. Typisch, denke ich. Mich würde das interessieren, aber für den Evangelisten spielt es nicht die entscheidende Rolle.
Als Jesus zum Ende gekommen ist und sich die Menschenmenge schon aufzulösen beginnt, wird es nochmal richtig interessant. Die eigentliche Geschichte beginnt nämlich erst jetzt. Jesus fordert Simon auf, die Boote erneut klarzumachen für den Fischfang.
Ich stelle mir vor, wie überrascht Simon war, den Kopf schüttelt und Ärger in ihm aufsteigt. Ich kann förmlich seine Gedanken lesen: "Da kommt ein Wanderprediger und will mir sagen, was ich tun soll. Eine Zumutung ist das. Dummes Zeug! Nur in der Nacht steigen die Fische nach oben – wenn überhaupt!
Tagsüber sind sie in der Tiefe und nicht erreichbar." Vieles geht Simon in diesem Augenblick durch den Kopf. Aber – ganz erstaunlich – er beherrscht sich und sagt ganz nüchtern: "Wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen." Und fügt in Gedanken vielleicht hinzu: "Du hast doch keine Ahnung vom Fischfang. Lass mal gut sein, ich fahr dich wieder ans Ufer. Und dann muss ich mich weiter um meine Netze kümmern."
Aber irgendetwas hält ihn davon ab, es auszusprechen. Stattdessen – Simon glaubt es selber kaum – stattdessen lässt er sich drauf ein. "Auf dein Wort hin, Jesus, will ich die Netze auswerfen."
Sie taten es und fingen so viele Fische, dass die Netze zu reißen drohten.
Sie mussten die Fischer im anderen Boot zur Hilfe herbeiwinken. Schließlich waren beide Boote so überladen, dass sie fast untergingen.
Als Simon Petrus das sah, warf er sich vor Jesus nieder und bat: »Herr, geh fort von mir! Ich bin ein sündiger Mensch!«
Denn ihn und alle anderen, die bei ihm im Boot waren, hatte die Furcht gepackt, weil sie einen so gewaltigen Fang gemacht hatten.
So ging es auch denen aus dem anderen Boot, Jakobus und Johannes, den Söhnen von Zebedäus, die mit Simon zusammenarbeiteten. Jesus aber sagte zu Simon: »Hab keine Angst! Von jetzt an wirst du Menschen fischen!«
Was ist geschehen? Wie ging das zu, dass die Netze so voll wurden? Unerklärlich. Man kann das ein Wunder nennen.
Der Mut, es noch einmal zu versuchen
Für mich sind aber nicht die vollen Netze der Höhepunkt der Erzählung. Das eigentliche Wunder ist für mich etwas ganz anderes, nämlich: der Mut des Simon, noch einmal hinauszufahren. "Weil du es sagst." Was auch immer Jesus gesagt haben mag: Es hatte irgendwie etwas Packendes, Zwingendes.
Simon spürt in der Begegnung mit Jesus: Das ist ein besonderer Moment. Jetzt gerade zählt noch ganz anderes als die üblichen Routinen, Erfahrungen und Argumente. Jetzt kommt es auf mich an. Auf mein Vertrauen. Dass ich Mut habe, mich jetzt auf diese Situation einzulassen.
Es gibt solche Momente, in denen es darauf ankommt: sich entscheiden, sich trauen, die Chance ergreifen. Die Bibel erzählt oft davon. Sarah und Abraham brechen auf, verlassen ihre Sippe, ihre Sicherheiten, alles, was bisher logisch und normal war – auf Gottes Wort hin. Oder Zachäus, dieser raffgierige Zollbeamte: Er begegnet Jesus, lässt sich auf ein Gespräch mit ihm ein und beginnt danach ein ganz neues Leben. Ohne Betrügereien. Auf sein Wort hin.
Dieses neue Leben eröffnet eine ganz neue Perspektive. Nicht Mangel, nicht Sorge, sondern Fülle und Getragenwerden erwarten mich. Das Leben kann überraschend anders werden.
Er fordert Petrus einiges ab. Und seiner Familie auch. Eine Entscheidung für etwas ist auch immer eine Entscheidung gegen etwas. Es bleiben Menschen zurück. Hat er ihnen gegenüber ein schlechtes Gewissen? Wie sieht der Kontakt zu ihnen aus? Das wird nicht erzählt. Er sieht diese Gelegenheit, ergreift sie und es gibt kein Zurück mehr. Er sieht einen neuen Weg und die Kraft, die mit Jesus da ist auf einmal. Nicht der volle Fang verändert Simon. Sondern die Begegnung mit Jesus.
Was mich an der Erzählung des Lukas geradezu fasziniert: Die Vergeblichkeit, die Hoffnungslosigkeit fällt auf einmal wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Es wundert mich deshalb nicht, dass Simon und seine Fischerkollegen am Ende der Geschichte erschrecken. Sie erschrecken darüber, dass einer so viele in ihnen sieht, dass ein neues leben beginnen kann.
Simon erschrickt. So viele Fische, wo doch nichts zu erwarten war. Beide Boote auf einmal voll. Er kann‘s gar nicht alleine packen. Der erwartete Misserfolg ist nicht eingetreten! Gegen alle Erwartung: Es war nicht vergeblich. Seine Ängste, seine negativen Gedanken – nichts hat sich bestätigt. Darüber erschrickt er.
Jesus spürt auch das in ihm. Und er sagt ihm zu: Hab keine Angst. Von nun an wirst du Menschen fischen. Menschen fischen, das heißt: Nicht Menschen "fangen", sondern Menschen für das Leben gewinnen, Hoffnung weitergeben oder Räume eröffnen, in denen andere Gottes Nähe erfahren.
Da zogen sie die Boote an Land, ließen alles zurück und folgten Jesus.
Jesus sieht Simon. Den Alltagsmenschen. Den erschöpften Gesichtsausdruck. Den Frust. Aber Jesus traut Simon etwas zu. Hab keine Angst. Wag ihn, den Sprung ins Offene. Und so brechen Simon und seine Fischer-Freunde noch einmal zu ganz neuen Ufern auf. Was unmöglich war, wird möglich. Alles bekommt eine neue Perspektive. Wenn wir es wagen
Ich bin überzeugt: Jesus sieht auch uns heute wie diese Alltagsmenschen von Christel Lechner. Liebevoll. Mit unseren Falten, unseren Niederlagen, unseren halbleeren Netzen. Und er sagt auch zu uns: Hab keine Angst. Fahr noch einmal hinaus. Auf mein Wort hin."
Amen.
