Predigt: 2.Mose 3, 1-8 u. 13
Mose Berufung
Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian und trieb die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb. Und der Engel des Herrn erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Da sprach er: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.
Als aber der Herr sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach:
Mose! Mose! Er antwortete: Hier bin ich
Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!
Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.
Und Mose verhüllte sein Angesicht, denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen. Und der Herr sprach:
Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört, ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt
Mose sprach zu Gott: siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name? Was soll ich ihnen sagen? Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde.
Liebe Schwestern und Brüder!
Die Geschichte Mose hat mich schon als Kind fasziniert. Es hört sich an, wie ein Märchen.
Die Geschichte Mose beginnt mit einer Art Kindesweglegung, allerdings nicht, um das Kind loszuwerden, sondern um sein Leben zu retten. Um das Leben des Neugeborenen zu schützen hat die Mutter also die geniale Idee, den kleinen Mose in ein aus Rohr geflochtenes Kästlein mit Erdharz und Pech verklebt, zu legen und es ins Schilf am Ufer des Nils zu legen.
Ausgerechnet die Tochter des Pharaos findet des Bastkörbchen mit dem Kind, nimmt es an sich und Mose wächst wie ein junger Prinz am Hofe des Pharaos auf.
Doch als erwachsener Mann rührt ihn das Leiden der Israeliten und er erschlägt einen ägyptischen Aufseher und flieht ins Ausland
Es folgt eine Flucht- oder Migrationsgeschichte.
Mose kommt nach Midian, findet dort Asyl, richtet sein Leben neu ein, fasst Fuß, gründet eine Familie. Und da könnte man schon schließen und formulieren, wie es in den Märchen am Schluss immer heißt: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Nein, wir wissen es, das ist nicht das Ende der Geschichte. Ja die eigentliche Berufungsgeschichte des Mose geht jetzt erst richtig los.
Wie sollen wir das übersetzen: Unverhofft kommt oft? Gott überrascht uns immer dann, wenn wir gar nicht damit rechnen. Und diese Begegnung stellt vieles, wenn nicht sogar alles unseres bisherigen Lebens völlig auf den Kopf. Gottesbegegnungen haben Folgen. Sie wühlen auf. Sie fordern heraus. Sie bedeuten Aufbruch in ungewisses Neuland, in eine ungewisse Zukunft.
Gottesbegegnung ist nicht Selbstzweck, um uns zu perfektionieren auf dem Weg zur Heilig- oder Seligsprechung, sondern Gottesbegegnungen bedeuten Auftrag, Aufgabe, und diese Aufgabe kann ziemlich fordernd und herausfordernd sein.
Dies Aufgabe hat die Anderen im Blick. Die Notleidenden, die Unterdrückten, die unter dem Joch der Ägypter, Tyrannen, Diktatoren leiden und ausgebeutet werden.
Auftrag der Gottesbegegnung lautet: Befreiung der Unterdrückten, Befreiung von Auschwitz, Befreiung und Auszug aus der Knechtschaft und Aufbruch in ein Land des Friedens, der Mitmenschlichkeit, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen.
Ja, jetzt könnte man einwenden: bitte schön, nicht jeder von uns ist ein Mose. Nur die wenigsten Auserwählten haben eine solche Gottesbegegnung, wie sie von Mose erzählt wird. Neben der historischen Ebene ist mir aber auch die gleichnishafte Ebene wichtig, denn es geht ja um die Frage, was hat das alles mit mir zu tun?
Ich kann Mose bewundern und anhimmeln und mich an der Geschichte freuen, aber was macht das mit mir. Was will Gott mir durch diese Geschichte sagen. Ich bleibe dabei: Gottesbegegnungen finden statt und sie setzen in Bewegung, sie erzeugen Aufbruch, sie machen Mut, dass wir uns einsetzen für Freiheit und Selbstbestimmung.
Der brennende Dornbusch, das ist ein Symbol für das Leiden des Volkes Israel, das in diesem Leid nicht verbrennt und zugrunde geht, sondern durch das Leiden hindurch immer wieder Hoffnung und Zuversicht schöpft. In diesem Leiden und Brennen offenbart Gott seinen Namen: Ich werde sein, der ich sein werde.
Großartig, oder? Gott lässt sich nicht einsperren, nicht festlegen in einer Definition, in einem einzigen Gedanken, oder in ganzen theologischen oder philosophischen Abhandlungen. Gott bleibt lebendig. Mitten unter uns. Und Gott bleibt wandelbar. Er ist immer für eine Überraschung gut. Er zeigt sich, wenn es darum geht, zu handeln, einzugreifen, umzukehren und sich mit dem Unrecht nicht zufrieden zu geben. Dann zieht es uns womöglich die Schuhe aus und wir stehen barfüßig, verletzlich auf heiligem Boden und spüren, das Leben ist kostbar, die Welt ein Wunder und Gott will, dass wir in Freiheit und Würde leben.
Amen
