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Predigt vom Kirchenschiff in Pörtschach am 12.7.2026

Du, Israel, bist ein besonderes Volk, du bist heilig für den Herrn, deinen Gott.

Der Herr, dein Gott, hat dich erwählt:
Als einziges Volk unter allen Völkern der Erde sollst du ihm gehören.

Nicht weil ihr zahlreicher seid als alle Völker, empfindet der Herr Zuneigung zu euch.
Nicht deswegen hat er euch ausgewählt.
Denn du bist ja das kleinste von allen Völkern.
Sondern aus Liebe zu euch hat der Herr es getan.
Er hält sich an den Eid, den er euren Vorfahren geschworen hat.
Darum hat euch der Herr herausgeführt.
Mit starker Hand hat er euch aus der Sklaverei befreit – aus der Gewalt des Pharaos, des Königs von Ägypten.

So erkenne nun:
Der Herr, dein Gott, er ist Gott. Er ist ein treuer Gott und hält seinen Bund.
Die ihn lieben und seine Gebote befolgen, erfahren seine Güte noch in tausend Generationen.

Was muss ich tun, um gewählt zu werden? Oder: wie muss ich sein, damit ich dazugehöre?

Es war mein Horror im Sportunterricht. Mannschaftswahl. Zwei der Besten standen vorne und stellten ihre Teams zusammen. Einer nach dem anderen wurde aufgerufen. „Den Murat nehme ich. Die Alexandra. Den Thomas. Die Gülay. “ –Die Reihe auf der Turnbank wurde immer kürzer.

Da war Nicole. Groß, etwas kräftig und nicht besonders sportlich. Eigentlich wussten wir alle, was passieren würde. Sie blieb fast immer bis zum Schluss sitzen. Irgendwann sagte einer der beiden Mannschaftsführer mit einem genervten Unterton: „Na gut, dann nehme ich eben noch die Nicole.“

Ich sehe ihr Gesicht heute noch vor mir. Dieses kleine Wort „noch“ tat weh. Nicht wirklich gewollt, sondern einfach übrig geblieben. Kinder können grausam sein. Und wir anderen? Wir haben geschwiegen. Oder sogar mitgemacht und sie geärgert. Manches davon tut mir bis heute leid.

Eigentlich hört dieses Spiel nie ganz auf. Später heißt es nicht mehr: Wer kommt in meine Mannschaft? Sondern: Wer bekommt die Stelle? Wer wird befördert? Wer wird eingeladen? Wer gehört dazu? Wir leben in einer Welt, in der ständig ausgewählt wird. Oft zählen Leistung, Aussehen, Erfolg oder Einfluss. Und bei Gott?.

Gott sagt zu seinem Volk: „Nicht weil ihr größer seid als alle anderen Völker, nicht weil ihr stärker seid oder mehr seid, habe ich euch erwählt. Ihr seid sogar das kleinste unter ihnen. Sondern weil ich euch liebe.“

Was für ein Satz.

Gott schaut anders auf Menschen als wir. Wir sehen zuerst die Oberfläche. Was jemand kann. Wie erfolgreich er ist. Wie überzeugend sie auftritt. Wie gut er aussieht. Gott schaut tiefer.

Vielleicht passt dieses Bild gerade heute besonders gut hierher an den Wörthersee. Wenn wir über das Wasser blicken, sehen wir zuerst die glitzernde Oberfläche. Mal liegt der See ganz ruhig da, mal kräuseln sich kleine Wellen, mal ziehen Boote ihre Bahnen oder flitzen sie mit Wasserski dahin. Mal wird geplatscht und gespritzt und die feine Gesellschaft gibt sich die Ehre. Oder wie vorgestern und gestern die Starnacht am Wörthersee. Da glitzert und funkelt es auch. Vielleicht war wer auch da? Die meisten von uns haben das wohl eher von außen betrachtet.

Aber wo ist das Entscheidende? das Eigentliche liegt darunter. Die Fische sehen wir meistens nicht. Die Quellen, aus denen der See gespeist wird, schon gar nicht. Und doch sind sie da. Sie tragen das Leben des Sees.

So sieht Gott Menschen an. Er bleibt nicht an der Oberfläche stehen. Er fragt nicht zuerst: Was leistet dieser Mensch? Was hat sie erreicht? Wie wirkt er auf andere? Sondern: Wer bist du? Was bewegt dein Herz? Was brauchst du?

Darum sucht Gott sich nicht die aus, die ohnehin schon alle bewundern. In der Bibel zieht sich das wie ein roter Faden durch. Abraham ist ein alter Mann. Sara kann keine Kinder bekommen. Mose meint, er könne nicht gut reden. David wird von seinem eigenen Vater übersehen. Maria ist ein junges Mädchen aus einem Dorf, das kaum jemand kennt. Immer wieder wendet sich Gott denen zu, die leicht übersehen oder sogar verachtet werden und hat Großes mit ihnen vor.

Nicht weil sie besser wären als andere. Sondern weil Gottes Liebe nicht nach Leistung fragt. Sie beginnt nicht mit einem Zeugnis und nicht mit einer Bewerbung. Sie beginnt mit einem Ja.

Mose erinnert das Volk Israel daran, dass Gott sie aus der Sklaverei geführt hat. Nicht weil sie sich selbst befreit hätten. Nicht weil sie besonders mutig gewesen wären. Sondern weil Gott ihr Elend gesehen und sie nicht vergessen hat. Und das waren nicht die Massen, wie es gern in Filmen oder Büchern dargestellt wird, es war in kleines Häufchen Menschen, Tiere.

Gott liebt uns nicht, weil wir etwas Besonderes leisten. Er liebt uns, bevor wir überhaupt etwas vorweisen können. So wie Eltern ihr Kind lieben, lange bevor es laufen oder sprechen kann. Es muss sich seinen Platz in der Familie nicht verdienen. Es gehört einfach dazu.

Vielleicht ist heute jemand hier, der sich schon lange fragt, ob er überhaupt noch dazugehört. Vielleicht nach einer Krankheit, nach einer Trennung oder weil das Leben ganz anders verlaufen ist als erhofft. Vielleicht sind Sie heute einfach am See spazieren gegangen, haben die Musik gehört und stehen oder sitzen zum ersten Mal seit langer Zeit wieder in einem Gottesdienst.

Dann möchte ich Ihnen diesen einen Gedanken mitgeben: Gott wartet nicht darauf, dass wir erst religiöser werden. Er wartet nicht auf einen besseren Menschen. Er beginnt mit seiner Liebe.

Nicht: Werde erst gut genug. Sondern: Du bist Gott wichtig. Deshalb kann dein Leben neu werden.

Wenn ich heute auf den Wörthersee schaue, sehe ich auch die vielen Boote. Manche sind groß und elegant, andere klein und schlicht. Manche gleiten mit viel Kraft über das Wasser, andere treiben langsam dahin. Dem See ist das gleich. Er trägt sie alle.

Dieses Bild gefällt mir.

Gottes Liebe ist wie dieses Wasser. Sie trägt nicht nur die Erfolgreichen, nicht nur die Starken und nicht nur die, die scheinbar alles im Griff haben. Sie trägt auch die Müden, die Zweifelnden, die Suchenden und die, die sich selbst manchmal nicht mehr viel zutrauen.

Doch Gottes Liebe fragt auch nach einer Antwort von uns.

Mose erinnert das Volk nicht nur daran, dass Gott treu ist. Er sagt auch: „Er hält seinen Bund mit denen, die ihn lieben und seine Gebote halten.“ Das ist keine Bedingung, sondern eine Antwort.

Nicht: Erst die Gebote – dann die Liebe Gottes.

Sondern: Weil Gott uns zuerst geliebt hat, wächst in uns die Liebe zu ihm. Und diese Liebe bekommt Hände und Füße.

Jesus hat alle Gebote in einem Satz zusammengefasst: Gott lieben und den Nächsten lieben wie sich selbst.

Das beginnt selten mit großen Heldentaten. Es beginnt oft ganz unscheinbar. Mit einem freundlichen Wort. Mit Zeit für einen einsamen Menschen. Mit Geduld statt vorschnellem Urteil. Mit einem offenen Blick für den, der übersehen wird.

Vielleicht beginnt Nächstenliebe genau dort, wo wir verhindern, dass noch einmal jemand wie Nicole das Gefühl bekommt, nur die Letzte auf der Turnbank zu sein.

Dann wird etwas von Gottes Liebe sichtbar.

Dann erzählen nicht nur unsere Worte von Gott, sondern unser Leben.

Vielleicht ist das der schönste Dank für Gottes Liebe: dass andere Menschen durch uns erfahren, was wir heute selbst gehört haben.

Du bist kein Rest. Du bist nicht „auch noch“. Du bist gewollt.

Du bist geliebt.

Und aus dieser Liebe wächst die Kraft, Gott zu lieben und den Menschen neben uns mit derselben Achtung zu begegnen.

Denn Gott ist treu. Seine Liebe trägt – wie das Wasser des Sees die Boote trägt – heute, morgen und bis in tausend Generationen.

Amen.

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