Predigt - Juni
Hebr.11,8-10
Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte, und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme.
Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung.
Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.
Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde!
Stellen Sie sich vor, sie gehen am Samstag in die Innenstadt, in die Fußgängerzone und da steht mitten im Weg ein Stuhl. Ein schlanker, älterer Herr steht daneben, manchmal setzt er sich auch hin. Das Auffällige: Er hat ein größeres Schild um den Hals:
Ich glaube nur, was ich sehe!
Sie lesen den Satz, ärgern sich, wundern sich, oder denken sich, am besten ignorieren, möglichst schnell an ihm vorbei. Wieder so ein Wichtigmacher, einer von der Sorte Religionskritiker, vielleicht ein bekennender Agnostiker oder Atheist.
Sie denken kurz über den Satz nach.
Der kommt ihnen doch auch bekannt vor. Den hat doch auch der ungläubige Thomas so oder so ähnlich formuliert: Erst wenn ich mit eigenen Hände spüre u. mit eigenen Augen den Auferstandenen sehe, kann ich es glauben.
Also vielleicht doch nicht ganz so provokant, wie im ersten Augenblick befürchtet.
Vielleicht will der Mann zum Nachdenken, zur Diskussion anregen. Mir einen Spiegel vorhalten und an mich die Frage richten:
Wie halte ich es mit meinem Glauben? Was bedeutet für mich überhaupt zu glauben?
Jetzt sind sie doch einen Augenblick stehen geblieben, in sicherer Entfernung und werfen noch einmal einen Blick auf den Mann mit dem Schild in der Fußgängerzone.
Erst jetzt, beim zweiten Blick fällt ihnen auf, dass der Mann eine dunkle Brille trägt und um den rechten Arm eine bekannte gelbe Armbinde mit drei Punkten trägt und am Stuhl lehnt ein Blindenstock.
Inszeniert oder echt – wie auch immer, jedenfalls schon genial: Ein Blinder mit dem Satz: „Ich glaube nur, was ich sehe.
Jetzt beginnt das Nachdenken von Neuem. Was soll das heißen? Wenn ich es negativ und religionskritisch interpretiere: dann könnte gemeint sein: Ich bin blind. Ich sehe nichts. Deshalb glaube ich auch nichts.
Ich möchte diese Inszenierung aber positiv deuten. Der Mann möchte uns sagen, es gibt mehr zu sehen, als nur das, was vor Augen ist, was wir mit den Augen wahrnehmen.
Unsere Augen täuschen uns oft. Wir lassen uns leicht blenden und beeindrucken, wenn wir uns nur auf unsere Augen verlassen.
Das Sehen verstehe ich hier als ein Schauen, vielleicht durchaus auch ein wenig im mystischen Sinne – vielleicht auch ein Erahnen, ein Erspüren – Angesprochen ist unsere Sehnsucht, unsere Phantasie.
Glaube hat mit Sehnsucht, mit Vertrauen, mit der Kraft der Phantasie, hat mit dem Möglichkeitssinn zu tun. Wer glaubt, glaubt, dass alles auch ganz anders sein könnte.
Somit wird dieser Mann in der Fußgängerzone, vielleicht ist es ein Schauspieler, wer weiß, zu einem Prediger in Wüste, zu einem Ermutiger, sich auf das Abenteuer des Glaubens einzulassen. Glaube, Zweifel, Vertrauen, Misstrauen, das alles gehört zu unserm Leben. Ich behaupte, jedem von uns ergeht es so. Es gibt Zeiten und Momente, da trägt uns unser Glaube. Er gibt uns Halt, Geborgenheit, auch Wegweisung für unser Verhalten. Aber es gibt auch die Momente der Verunsicherung, des Zweifels, des Misstrauens. Unbestritten ist die Kraft des Glaubens. Glaube kann bekanntlich Berge versetzen und er tut es auch. Es gibt in jüngste Zeit sogar Untersuchungen darüber, wie sich Glaube auf das Gesundheitsverhalten, auf die Arbeit, auf das soziale Verhalten auswirkt und da gibt es erstaunliche Ergebnisse.
Gläubige Menschen haben eine grundsätzlich positive, konstruktive und zuversichtliche Lebenseinstellung. Auch wenn das Scheitern dazugehört, so wissen sich Glaubende von Gott getragen, gestärkt, inspiriert und geleitet.
Abraham wird uns im heuten Predigttext als ein Vorbild im Glauben in Erinnerung gerufen. Im Glauben liegt Gehorsam – nicht blinder und destruktiver Gehorsam, sondern kritischer und kreativer Gehorsam – es geht um das Hören.
Wer glaubt, öffnet seine Ohren, seine Sinne, seine Antennen – ich will hören und verstehen, was Gott mir sagen und zeigen möchte.
Auszug ist das zweite Stichwort.
Beweglich bleiben, für Veränderungen offen sein, Wir sind Wanderer, wir sind unterwegs.
Fremd sein, auch das eine Erfahrung, die wir manchmal machen, wenn wir uns als Gläubige definieren. Das Zelt, nicht das Eigenheim ist das Symbol für den Glauben.
Wie heißt es in einem sehr schönen Kirchenlied:
„Wer Gott dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut.“
- Amen
